Von Sandra Lichtenberger | Veröffentlicht am 5. Oktober 2025
Inmitten alltäglicher Herausforderungen, Stress und Missgeschicke erleben wir Momente, in denen die Emotionen überkochen. Doch gerade dann offenbart sich eine essenzielle Wahrheit: Gelassenheit ist kein Zufall, sondern eine erlernbare Tugend. Diese universelle Erfahrung lehrt uns, dass innere Ruhe entscheidend ist, um den Widrigkeiten des Lebens souverän zu begegnen und einen klareren Kopf zu bewahren.
Der Buddha an meiner Küchentür
oder was Gelassenheit bedeutet
„8:50 Uhr“ zeigte das Display meines Weckers. 8:50 Uhr??? Wieso hat der Wecker nicht geklingelt? Oder hatte ich ihn am Abend zuvor nicht gestellt? Ich kniff die Augen zusammen, um sie dann erneut zu öffnen, doch an der Uhrzeit änderte sich nichts. Meine Stresshormone erlebten allerdings einen fulminanten Aufschwung und die volle Ladung Adrenalin schoss mit überhöhter Geschwindigkeit durch meine Adern. Seit gut 20 Minuten sollte ich eigentlich an meinem Arbeitsplatz in der Innenstadt sein. Anstatt wie gewöhnlich um diese Uhrzeit aufs Display meines Laptops zu schauen, starrte ich auf den Wecker und verfluchte den Erfinder der Schlummertaste. Ich hatte verschlafen – aber das bedeutete noch lange nicht, dass es an mir lag. Der Wecker ist schuld und der Erfinder der Schlummertaste natürlich.
Der erste Sprint des Tages führte durch meinen begehbaren Kleiderschrank. Im Bad angekommen, sah ich im Spiegel, was an mir hängen geblieben war. Jeder Papagei wäre bei der farblichen Auswahl vor Neid erblasst. Na ja, über Mode und Geschmack lässt sich streiten. Egal. Ich hatte nicht vor in das Modebusiness zu wechseln und für eine Korrektur des Textildesasters blieb keine Zeit. Ich verzichtete auf üppiges Make-up und nutzte nur die elektrische Zahnbürste, die mir nach Benutzung eindeutig mit einem traurigen Smiley zu verstehen gab, dass diese Reinigung deutlich zu kurz gewesen war. Die zweite Sprintetappe durch das Treppenhaus bis in die Garage ging noch flott – bis die Geschwindigkeit völlig zum Erliegen kam, als ich in meinem 15 Jahre alten Kleinwagen saß und dieses antike Stück beschlossen hatte, genau in diesem Moment seinen Geist aufzugeben. Wegen irgendwas, ich wusste nicht warum. Ehrlich gesagt, war mir das in dem Moment auch egal. Das Auto konnte mich unmöglich jetzt und heute im Stich lassen. Ich startete noch ein letztes Mal, doch das klagende Geräusch beim Drehen des Zündschlüssels brachte den Motor nicht mehr in Gang, katapultierte aber meine schlechte Laune auf die nächste Stufe.
Eine Viertelstunde später saß ich in der S-Bahn nach Sprint Nummer drei. Den Tag hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon abgehakt, bevor er überhaupt begonnen hatte. Die ältere Dame neben mir am Fenster fing an auf mich einzureden in dem Moment als ich mich neben sie setzte. Nach 20 Minuten Fahrtzeit kannte ich nicht nur ihre Krankheitsgeschichte seit dem jungen Erwachsenenalter an bis zum aktuellen Tag, sondern ebenfalls die ihres Sohnes, der mit 45 Jahren zu Hause wohnt, gut verdient, sehr attraktiv und immer noch Single ist. Was ich auch immer mit diesen Informationen anfangen sollte. Ich beschloss, einfach nichts zu sagen. Ich wollte der Dame nicht vor den Kopf stoßen, doch innerlich verdrehte ich die Augen und hoffte auf Erlösung; auch wenn mir nicht klar war, in welcher Form. Die dummen Kommentare meiner Kolleginnen und Kollegen zu meinem verspäteten Arbeitsbeginn und meinem „Fasnachtsfummel“, um es wortgetreu wiederzugeben, hatte ich schon ahnen können. Dass aber irgendein Idiot sich morgens an meinen Nespresso-Kapseln bedient hatte, machte mich wirklich wütend. Wie kann man so dreist sein? dachte ich. Ich fluchte vor mich hin und gestikulierte wild. „Man könnte wenigstens fragen bevor man eine Kapsel nimmt, vor allem dann wenn es auch noch die letzte Kapsel ist“ monierte ich lautstark. Meinen Kollegen Stephan am gegenüberliegenden Schreibtisch, dem ich so eine Aktion zutraute ohne lange überlegen zu müssen, schaute ich währenddessen intensiv an. Er schien sich jedoch offensichtlich nicht angesprochen zu fühlen und hielt es nicht für nötig meine Aussage zu kommentieren oder gar zu bestätigen. So zog sich der Tag dahin. Das Meeting hätte man sich sparen können – nichts Produktives kam dabei heraus – und ansonsten lief auch nichts nach Plan. In der Kantine schnappte die schrullige Alte aus der Verwaltung mir das letzte vegetarische Menü vor der Nase weg, und ich hatte das Nachsehen. „Wir hätten noch Hackbällchen oder das Fischgericht,” hörte ich die Dame an der Essensausgabe sagen, während ich mich mit meiner miesen Laune abwandte. Was war denn bitte los? Die Welt war gegen mich.
Nach Feierabend fuhr ich gezwungenermaßen mit der Bahn wieder nach Hause. Mein Wagen hatte ja heute keine Lust die Garage zu verlassen. Auf meiner Bluse prangten inzwischen zwei unübersehbare Kaffeeflecken. Beim Bäcker gegenüber hatte ich mir eben noch einen Café to go gegönnt, weil ich ja leider auf meinen Frühstückskaffee verzichten musste. Was ich vorher nicht wusste: die Kollision mit dem Schnösel im Anzug, Mitte 40 und mit Aktenkoffer bewaffnet, eingehüllt in eine aufdringliche Parfümwolke, war mit dem Kaffeekauf inklusive. Nach dem unfreiwilligen Zusammenprall lies er mich einfach stehen mit ausgestreckten Armen, offenem Mund und unfähig etwas zu sagen, während er „Entschuldigung“ nuschelte während er davoneilte. Was bildete dieser Depp sich eigentlich ein? War der noch ganz dicht? Rückblickend schienen die Flecken auf meiner Kleidung vielleicht das kleinere Übel, doch der Vorfall hielt mein Adrenalin an der oberen Schwelle. Ich konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Zu Hause schloss ich die Wohnungstür auf, kickte meine Sneakers von den Füßen und in eine Ecke. Ich landete seufzend auf meiner Couch. Meine innere Unruhe war es, die mich in diesem Moment nicht einschlafen lies. Normalerweise hätte an jenem Abend mein wöchentlicher Yogakurs stattgefunden. Mein Lichtblick im täglich Alltagschaos. Ich brauchte nicht auf die Uhr zu sehen, um zu wissen, dass eine pünktliche Anwesenheit im Yogastudio nicht mal mehr möglich gewesen wäre, selbst wenn ich mich hätte dorthin beamen können. Mein Blick schweifte über meine zusammengerollte Yogamatte, die an der Garderobe stand. Vielleicht sollte ich hier im Wohnzimmer ein paar Sonnengrüße machen. Ich gebe zu, ich übe ungern alleine zu Hause. Es ist nicht genügend Platz; das rede ich mir zumindest ein. Es trägt auch nicht wirklich zur Erleuchtung bei, wenn man während der Überkopf-Asanas die Erdnüsse vom letzten Fernsehabend von vor zwei Wochen wiederfindet. Das Argument wiegt wohl schwerer. Man lernt nicht nur sich selbst, sondern auch die verstaubten, verwaisten und dunklen Ecken der Wohnung kennen. Couch oder doch Yogamatte?
Ich entschied mich für die Yogamatte und war stolz auf mich. Mein innerer Schweinehund hatte die Flucht ergriffen. Ich setze mich in den Schneidersitz und versuchte gerade meine innere Ruhe zu finden, als mein Nachbar mit einem Hammer meine sanften OM Gesänge lautstark übertönte. Echt jetzt? Was dann geschah, ist nur noch schemenhaft in meiner Erinnerung. Dieser Tsunami an Emotionen, der sich in Sekundenschnelle ausbreitete ließ sich nicht mehr aufhalten. Ich fühlte mich wie ein aktiver Vulkan, dessen Lava sich im Folgenden über einen Mann ergoss, der mir nebenan nach meinem Sturmklingeln die Tür öffnete. Offenbar war er damit beschäftigt, einige Bilder an der Wand zu befestigen. Sein verdutztes Gesicht, als ich die Contenance völlig verlor, ließ ihn einen Schritt zurücktreten. Ich fuhr ihn an und verlor jegliche Beherrschung. Minutenlang. Gefühlt stundenlang. Ich weiß nicht, wie lange ich vor der Tür meines Nachbarn die wild gewordene Furie spielte. Vielleicht waren es die restlichen Mitbewohner des Hauses, die neugierig durch halb geöffnete Türen spickten und damit meine filmreife Vorstellung beendeten. Stunden später, nach ausgiebigen Heulattacken, die sich mit Phasen des Selbstmitleids und der Suche nach Selbstbetätigung abwechselten, gelang es mir, die Ereignisse zu sortieren. Ich war wütend – aber auf wen oder was? Der Tag war beschissen, aber warum? Das finale Drama am Abend im Treppenhaus mit mir in der Hauptrolle war überflüssig. Was hatte mich da getrieben? Der nette Herr von nebenan, der immer so freundlich grüßte, konnte ja nicht ahnen, dass er mit einem Hammerschlag nicht nur den Nagel trifft, sondern auch die Zündschnur zu meinem Pulverfass zündet.
Am nächsten Tag stand ich wieder vor der Tür meines Nachbarn. E. Klein stand auf dem Klingelschild. Obwohl er schon Ewigkeiten hier wohnte hatten wir nie Kontakt. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich noch nicht mal seinen Namen. Mit der Schamröte im Gesicht und einer Packung sündhaft teuren Pralinen in der Hand platzierte ich mich auf dem Schuhabtreter, der mich mit dem Aufdruck „welcome“ herzlich begrüßte. Ich traute mich nicht zu klingeln. Ich stand etwa zehn Minuten im Treppenflur und mein Hirn suchte noch nach Worten, einer Erklärung und einer Entschuldigung, als die Tür sich plötzlich öffnete. Ich hatte weder geklingelt noch hatte ich mir meinen Text fertig zurecht gelegt. Dementsprechend erschrocken zuckte ich zusammen. „Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich wusste ja nicht, dass Sie vor meiner Tür stehen. Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Herr Klein, der mir eigentlich recht groß erschien, stand vor mir und lächelte freundlich. Dann fiel sein Blick auf die Pralinen in meiner Hand. „Kommen Sie herein,“ sagte er mit einer einladenden Geste. Ich hatte Wurzeln geschlagen wie eine hundertjährige Eiche und rührte mich keinen Zentimeter. Das lag vermutlich daran, dass ich mir dieses erneute Zusammentreffen am Day-After- the-Drama ganz anders vorgestellt hatte. Einerseits hätte Herr Klein durchaus einen triftigen Grund gehabt mir die Tür vor der Nase zuzuschlagen, anderseits entspräche diese Reaktion nicht der Aussage seines Schuhabtreters. Er bat mich erneut in seine Wohnung und schob mich sanft in das Wohnzimmer, zeigte auf drei Bilder, die auf dem Tisch lagen und einen einsamen Nagel in der Wand. „Ich hätte Sie vorwarnen müssen. Es war mein Fehler. Man hämmert nicht einfach so drauflos. Am Abend mag man ja auch mal seine Ruhe.“ Außer einem „Ähm…“ kam bei mir wenig über die Lippen. Zwischenzeitlich konnte Herr Klein die Absicht, die hinter meinen Besuch stand, erahnen. Es war wieder er, der das Wort ergriff: „Bitte setzen Sie sich. Möchten Sie ein Glas Wasser? Ich vermute, Sie hatten gestern einen nicht so angenehmen Tag.“ Er schaute mich fragend an. „Machen Sie sich keine Gedanken wegen unserem Zusammentreffen gestern Abend. Ich nehme ihnen das nicht übel. Sie scheinen generell ein sehr temperamentvoller Mensch zu sein?“ „Eigentlich nicht.“ erwiderte ich leise. Herr Klein ergänzte: „Ich kann damit umgehen. Ich hoffe, ich kann ihnen beweisen, dass ich eben kein Volltrottel und auch nicht rücksichtslos bin.“ Ich überlegte. Hatte ich das wirklich zu ihm gesagt? Seine Art mit der Situation umzugehen überraschte mich.
Herr Klein wirkte sehr sympathisch auf mich. So gelassen hätte ich nicht reagiert, wenn mich wenige Stunden zuvor mein Gegenüber mit einer Arie an Schimpfworten beschossen hätte, die an Dezibel nicht zu überbieten war. Nach dem angepriesenen Glas Wasser, das ich dankend angenommen hatte und zwei Tassen Tee, die Herr Klein fürsorglich für mich zubereitete, wurde ich meiner Muttersprache wieder mächtig. Als meine Anspannung allmählich von mir abfiel, war ich dann endlich in der Lage zu kommunizieren. „Die letzten Tage waren stressig und der gestrige Tag sollte dann .der Höhepunkt sein. Es tut mir leid. Sie hatten überhaupt nichts mit der Sache zu tun … es war nur…“ Ich suchte nach passenden Worten. „Schon gut.“ unterbrach er mich und zwinkerte mir zu. Im Verlauf des Abends entspannte ich mich und begann mich in der Gesellschaft von Herrn Klein wohl zu fühlen. Es entstand ein sehr angenehmes Gespräch über Gleichmut, Akzeptanz und Gelassenheit gegenüber den Widrigkeiten des alltäglichen Lebens. Ich war angenehm überrascht über welche Themen wir sprachen und wie tiefgründig diese Themen waren. Das tat gut. Die Art und Weise unseres ersten Zusammentreffens hätte aus meiner Sicht weniger emotional ausfallen können, aber anscheinend war das für Herr Klein wenig relevant. Ich half ihm noch beim Aufhängen seiner Bilder. Danach brach ich auf, Ich bedankte mich für seine Gastfreundschaft und seine wunderbare Reaktion und das wohltuende Gespräch. Beim Verlassen seiner Wohnung fiel mir eine Postkarte auf, die an einer Pinnwand in der Diele hing. Ein Buddha war darauf abgebildet. Er meditierte, sanft lächelnd und mit halb geschlossenen Augen vor einer wunderschönen Bergkulisse. Darunter stand in geschwungener Schrift:
„Gelassenheit ist die Ruhe im Sturm des Lebens. Worte beruhigen den Sturm; Taten spiegeln die Gelassenheit in uns wider.“
Wahrscheinlich hatte ich meinen Blick einen Moment zu lange auf die Karte gerichtet. Herr Klein, der mich zur Wohnungstür begleitete bemerkte, dass ich über die Weisheit
nachdachte. Er nahm die Karte von der Pinnwand und gab sie mir. „Ich schenke sie ihnen. Ich kenne den Spruch auswendig. Ich versuche ihn täglich zu verinnerlichen. Jedoch stelle ich fest, obwohl ich Fortschritte mache, dass ich jeden Tag aufs Neue beginne.“
Nächster Morgen. Es ist 7.30 Uhr. Ich sitze im Wohnzimmer auf meinem Meditationskissen. Ich blicke auf die geschlossene Küchentür. Dort klebt Herr Kleins Postkarte, schief aber dafür nicht zu übersehen. Ich habe nachher noch genügend Zeit für einen Kaffee und die Morgenroutine im Bad. Eigentlich könnte ich noch beim Bäcker vorbei und meinen Arbeitskolleginnen und – kollegen mal wieder Brezeln mitbringen, dachte ich. Das passiert normalerweise nur, wenn jemand Geburtstag feiert. Dann fielen mir auch gleich die Nespresso Kapseln ein, die ich noch kaufen wollte…
Bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, erinnert mich der Buddha an der Küchentür wieder daran, warum ich früher aufgestanden war. Ich schließe die Augen. Es dauert einen Augenblick. Mein Atem wird ruhiger. Mein Atem wird gleichmäßig. Ich komme zurück in den Moment. Ich spüre meinen Körper, meine Atmung. Ein Gedanke kommt mir in den Sinn: Jeder Moment bietet mir eine Chance mich in Gelassenheit zu üben, Ich muss ihn nur bewusst dafür nutzen. Einer der Momente ist jetzt.



